Vor dem Taj Mahal
Lange vor dem Taj Mahal bestieg ein dreizehnjähriger Herrscher einen Felsen mitten in Osch, baute einen Pavillon und schrieb auf, warum sein Platz besser war als der seines Onkels.
Film ansehen · 44 sEin Rückzugsort auf dem Fels
„Vor dem Taj Mahal baute ein jugendlicher Herrscher hier einen Rückzugsort.“Aus dem Film
Mitten in Osch, Kirgisistans zweitgrößter Stadt, erhebt sich ein kahler Felsen direkt aus den Straßen. Er hat fünf Gipfel; von allen Seiten reicht die Stadt an seinen Fuß.
Im islamischen Jahr 902, von September 1496 bis August 1497, baute ein junger Herrscher hier einen Pavillon mit Vorbau. Er hieß Zahir ud-Din Muhammad Babur. Seit Juni 1494, als er elf war, regierte er das Ferghanatal. Beim Bau auf dem Fels war er also dreizehn oder vierzehn.

Vom Pavillon wissen wir, weil Babur selbst ihn beschrieb. Sein Leben lang führte er Notizen, aus denen seine Memoiren wurden, das Baburnama: Schlachten, Städte, Gärten, Früchte, Freunde und eigene Fehler. Die Seiten über seine Heimat stehen am Anfang, und Osch kommt darin vor.

Der Onkel auf dem Gipfel
„Er hieß Babur. Sein Onkel hatte einen Pavillon auf dem Gipfel.“Aus dem Film
Babur nannte den Fels nicht Sulaiman-Too. Damals hieß er Bara-Koh, ein persischer Name, und stand, schrieb er, südöstlich der Festung Osch.
Er liebte die Stadt. „An Klima und Annehmlichkeit“, schrieb er, „kommt in ganz Farghana keine Stadt Osch gleich.“ Er erwähnte eine Moschee am Berghang namens Jauza, die Zwillingsmoschee, und einen schönen Stein darin mit welligen rot-weißen Mustern.
Jemand war vor ihm oben gewesen. Auf dem Gipfel stand ein Rückzugsort, gebaut von Sultan Mahmud Khan, Baburs Onkel. Der höchste Platz des Berges war besetzt.

Tiefer gelegen, doch besser
„Der Junge baute seines weiter unten und schrieb, sein Platz sei besser.“Aus dem Film
Babur wollte nicht höher bauen als sein Onkel. Er wählte eine Bergschulter unterhalb des Gipfels und baute dort im Jahr 902 seinen eigenen Pavillon mit Vorbau.
Dann schrieb er den Satz dieser Geschichte:
„Seiner liegt zwar höher, doch meiner ist besser gelegen, denn die ganze Stadt mit ihren Vororten liegt ihm zu Füßen.“Babur, Baburnama, Übers. A. S. Beveridge
Er streitet nicht über Höhe, sondern über den Ausblick. Unter seiner Felsschulter lag die ganze Stadt.


Keiner der beiden Pavillons ist erhalten; das Baburnama verrät nichts Weiteres über ihr Schicksal. Geblieben ist der Satz: Ein junger König erzählt uns fünf Jahrhunderte später, welcher Platz besser war.
Dreißig Jahre später
„Dreißig Jahre später gründete er das Mogulreich in Indien.“Aus dem Film
Der junge Herrscher behielt sein Tal nicht. Babur verlor Fergana, gewann und verlor Samarkand und eroberte 1504 Kabul. Von dort wandte er sich nach Süden.
Im April 1526 besiegte er Sultan Ibrahim Lodi bei Panipat nördlich von Delhi und wurde erster Herrscher der Dynastie, die wir Moguln nennen. Väterlicherseits stammte er von Timur, mütterlicherseits von Dschingis Khan ab. Lange regierte er Indien nicht: Im Dezember 1530 starb er in Agra.
Der Ururenkel
„Sein Ururenkel baute das Taj Mahal.“Aus dem Film
Der Thron ging fünfmal vom Vater an den Sohn.
- Babur1526–1530Gründer
- Humayun1530–1556Sohn
- Akbar1556–1605Enkel
- Jahangir1605–1627Urenkel
- Shah Jahan1628–1658Ururenkel
Regierungszeiten in Indien. Humayun verlor 1540 den Thron und gewann ihn 1555 zurück.
Shah Jahan war der fünfte Mogulkaiser. 1631 gab er in Agra ein Grab für seine Frau Mumtaz Mahal in Auftrag. Das Mausoleum wurde 1648 fertig, die Gesamtanlage um 1653.
Der Bau des Taj Mahal begann also etwa 135 Jahre nach dem Pavillon eines Jungen auf dem Fels in Osch.


Und der Gipfel?
„Und der Gipfel? Heute heißt das Heiligtum dort oben Babur-Haus.“Aus dem Film
Wer heute den Sulaiman-Too besteigt, findet auf dem ersten Gipfel ein kleines Kuppelgebäude mit großem Portal aus gebrannten Ziegeln. Alle nennen es Babur-Haus.
Die Welterbe-Bewertung nennt es Takht-i-Sulaiman-Moschee: im 16. Jahrhundert gebaut, 1963 zerstört und 1988 anhand erhaltener Unterlagen auf den alten Fundamenten wiedererrichtet. Darin liegt ein alter Ritualstein mit Schälchen und Felsritzungen. Reiseführer nennen für beide Ereignisse andere Jahre.
Nun die Wendung: Nach Baburs eigener Darstellung gehörte der Gipfel dem Onkel; sein eigener Pavillon stand tiefer. Doch heute trägt der höchste Punkt den Namen des Jungen.


Ein heiliger Berg
„Es ist der Sulaiman-Too, ein heiliger Berg mitten in Osch, nur einen kurzen Flug von Bischkek entfernt.“Aus dem Film
Baburs Pavillons sind nur ein kurzes Kapitel einer viel längeren Geschichte. 2009 nahm die UNESCO den Heiligen Berg Sulaiman-Too ins Welterbe auf.
Gipfel und Hänge tragen alte Kultorte, Höhlen mit Felsbildern und ein Netz alter Wege. Am steilen Hang des dritten Gipfels lag eine bronzezeitliche Siedlung des 15. bis 7. Jahrhunderts v. Chr.
Manche Felsen sind durch jahrhundertelanges Rutschen oder Berühren von Pilgern glatt poliert. Man glaubt, diese Orte würden gegen Unfruchtbarkeit, Kopf- und Rückenschmerzen helfen und langes Leben bringen. Der Name kam zuletzt: Die Sage, dass der Prophet Sulaiman, der biblische Salomo, hier verweilte, wurde erstmals im frühen 18. Jahrhundert aufgezeichnet.


Zu seinem Ausblick hinauf
“Steigen Sie zu dem Ausblick hinauf, den ein junger Herrscher lange vor dem Taj Mahal wählte.”Aus dem Film

Der Berg steht im Zentrum von Osch und ist zu Fuß aus der Stadt erreichbar. Steinstufen und Wege führen zwischen Felsen zu Stadtblicken und zum Babur-Haus auf dem ersten Gipfel. Das Heiligtum wird genutzt; Menschen kommen zum Beten. Besuchen Sie es leise.
Der Ausblick seiner Wahl
– und der Gipfel, der trotzdem seinen Namen erhielt.
Den 44-Sekunden-Film ansehenDieselbe Geschichte als isometrisches Bergmodell, das sich Platte für Platte selbst zusammensetzt.
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Quellen
- Babur, Baburnama, übersetzt von A. S. Beveridge, London, 1921; Text herausgegeben von D. C. Waugh, Silk Road Seattle. depts.washington.edu/silkroad/texts/babur
- W. M. Thackston (Übers.), The Baburnama: Memoirs of Babur, Prince and Emperor, 1996.
- ICOMOS, Sulaiman-Too Sacred Mountain (Kyrgyzstan), Nr. 1230rev, Bewertung des Beratungsgremiums, 2009. UNESCO-Archiv (PDF)
- Wikipedia: Babur, Shah Jahan, Taj Mahal.
- Caravanistan, Sulaiman-Too und Verkehr ab Osch.
- Economist.kg, „World Bank: Sulaiman-Too and Uzgen“, 30. Juni 2026.
- Kyrgyz Seasons, Heiliger Berg Sulaiman-Too: Besuch.
Bilder
- Isometrische Szenen und Filmstandbilder: Kyrgyz Seasons, „Vor dem Taj Mahal“.
- Babur beim Lesen, idealisiertes Porträt, Indien, um 1605–1615, British Museum 1921,1011,0.3: gemeinfrei.
- Taj Mahal: Yann, CC BY-SA 4.0. Babur-Haus aus der Stadt: Eldin begi, CC BY-SA 4.0. Portal des Babur-Hauses: Arina Pan, CC BY-SA 4.0. Osch vom Berg: Kalpak Travel, CC BY 2.0. Bergkamm per Drohne: Nefesh03, CC BY-SA 4.0. Sulaiman-Too über Osch: A. Savin, Free Art License. Alle über Wikimedia Commons.



















